Konferenz, Mikulov Mikulov
15. 11. 2021

 

 

Franz Amberger, Franz Amberger, Runding, Redakteur i.R.
Amberger

Meine Sichtweise des Eisernen Vorhangs, Franz Amberger, Runding, Redakteur i.R.

Unter den in Ostbayern erscheinenden Lokalzeitungen nimmt die 1929 gegründete Kötztinger Zeitung eine Sonderstellung ein: Ihr Verbreitungsgebiet reichte einst über die Grenze hinweg in die deutschsprachigen Dörfer der damaligen Tschechei. Krieg und Vertreibung setzten dem ein Ende. Das hinderte die Redakteure nicht daran, ihren Blick auch nach 1945 weiter über die Grenze zu richten und über das Geschehen im Nachbarland zu berichten – soweit dies zu Zeiten des Eisernen Vorhangs möglich war.

In dieser Tradition steht meine 40-jährige Tätigkeit bei der Kötztinger Zeitung. Der Eiserne Vorhang und die Aufarbeitung der damit verbundenen Ereignisse begleiteten mich in meiner beruflichen Laufbahn von 1980 bis 2021. In meinem Fall kam noch hinzu, dass ich bei der Bundeswehr Grundkenntnisse der tschechischen Sprache erworben hatte. Über meinen Schwiegervater – er war ein Vertriebener aus dem Böhmerwald – knüpfte ich außerdem schon 1980 private Kontakte nach Südböhmen. So bedeutete der Eiserne Vorhang für mich nicht das Ende der Welt, er erschwerte lediglich den Zugang zu einem unbekannten Land, das es zu entdecken galt.

Mit dem für mich damals abstrakten Begriff „Eiserner Vorhang“ bin ich erstmals als Kind im Sommer 1968 konfrontiert worden. Um diese Zeit waren viele Urlauber in unserem Dorf. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings reisten einige ab, aus lauter Angst, die Invasion würde nicht vor der Grenze Halt machen. Andere hingegen unternahmen einen Ausflug zur 15 Kilometer entfernten Grenze – und kehrten enttäuscht zurück: Sie bekamen weder einen Eisernen Vorhang zu sehen noch die Russen mit ihren Panzern.

Mit eigenen Augen gesehen habe ich den Eisernen Vorhang erstmals im Herbst 1980, als wir mit meinem Schwiegervater einen Ausflug in den Böhmerwald machten. Am streng bewachten Grenzübergang bei Philippsreut-Strazny bekam ich einen nachhaltigen Eindruck von der Barriere zwischen Ost und West. Das hinderte meine Frau und mich nicht daran, unsere Hochzeitsreise im Mai 1981 nach Prag zu unternehmen. Als Bahnreisende aus Furth im Wald erlebten wir die rund einstündige Grenzabfertigung am Bahnhof in Ceska Kubice. Dabei wurden wir Zeugen penibler Kontrollen an einem Güterzug, der zur Ausreise nach Deutschland bereit stand: Mit langen, spitzigen Eisenstangen durchsuchten CSSR-Grenzer von oben die mit Sand beladenen Waggons, während ihre Kameraden den Boden der Waggons mit Spiegeln in Augenschein nahmen. Soldaten mit Maschinenpistolen sicherten die Kontrolle.

Wie die Überwachung der Grenze durch die CSSR funktionierte, erfuhr ich 1987 bei einer Veranstaltung des Bundesgrenzschutzes in Schwandorf. Nach einer Einweisung in den Aufbau und die Funktion des Eisernen Vorhangs unternahmen wir einen Hubschrauberflug entlang der Grenze vom Tillenberg (Dylen) bis nach Eisenstein (Zelezna Ruda). Aus der Vogelperspektive waren viele Details der Grenzsicherungsanlage zu erkennen: Sperrzaun, Spurenstreifen, Beobachtungstürme, Kolonnenweg und die doppelt abgesicherten Kasernen der Grenztruppe.

Im Vergleich mit der martialisch anmutenden deutsch-deutschen Grenze wirkte der Eiserne Vorhang hinter den grünen Gardinen der Landschaft völlig unspektakulär. Doch an Effizienz stand das Grenzsicherungssystem der CSSR dem der DDR in nichts nach. Umso erstaunlicher für mich, dass trotzdem immer wieder Menschen die Flucht in den Westen wagten und für ihren Mut Gefängnis, Repressalien für die ganze Familie, ja sogar den Tod in Kauf nahmen. Doch die Erkenntnis, dass Freiheitswille stärker ist als Beton und Stahl, verstärkte bei mir die Hoffnung, dass diese widersinnige, zutiefst inhumane Trennlinie mitten durch Europa nicht von Dauer sein würde. Die Bestätigung dafür folgte schon zwei Jahre später, in den denkwürdigen Novembertagen 1989.

Aus unmittelbarer Nähe habe ich den Eisernen Vorhang dann erstmals im Januar 1990 gesehen, als seine Tage bereits gezählt waren. Obwohl das Sperrgebiet noch existierte, wagten wir mit dem Zeitungsauto eine Fahrt entlang des Zauns. Wenig später waren wir Augenzeugen, als Soldaten der CSSR-Grenzwache damit begannen, den Drahtverhau niederzureißen. Der Eiserne Vorhang war damit Geschichte.

Bis jedoch wieder Normalität im Verhältnis der Nachbarn einkehrte, sollten noch viele Jahre vergehen. Die ideologische motivierte, gewaltsame Trennung durch den Eisernen Vorhang hatte auf beiden Seiten der Grenze mehr oder weniger tiefe Spuren in den Köpfen der Menschen hinterlassen.

Wir als Grenzzeitung haben die Phase des Umbruchs als Auftrag verstanden, den Weg zu einer neuen Nachbarschaft ebnen zu helfen. Wir wollten den Prozess der Annäherung nicht nur begleiten, sondern auch eigene Akzente setzen. Ich möchte dazu nur einige Beispiele nennen: Anstoß für deutsch-tschechische Initiativen, Herausgabe der Zeitung Vyhledy (erste tschechische Zeitung aus Bayern), Herausgabe des Buches „Grenzenlos“ mit Beiträgen von 33 Autoren aus Bayern und Böhmen (2000), seit 20 Jahren tägliche Rubrik „Blick über die Grenze“, Aufarbeitung von Ereignissen des Kalten Krieges durch die Übersetzung zweier Bücher von Ludek Navara („Der Tod heißt Tutter“, „Vorfälle am Eisernen Vorhang“).

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist inzwischen eine Generation vergangen. Bis 1989 hatten wir an der Grenze hintereinander (gegeneinander?) gelebt, danach längere Zeit nebeneinander. Inzwischen hat sich das unter Nachbarn übliche Miteinander eingestellt. Wie fragil dieser Zustand im Verhältnis beider Staaten noch ist, hat sich in der 1. Corona-Welle gezeigt, als der Eiserne Vorhang für ein paar Wochen zurückkehrte und die Grenze wieder dicht war. Die Menschen zu beiden Seiten der Grenze scheinen schon weiter zu sein als die Politik: Mit Sympathiebekundungen gaben sie in dieser Phase zu erkennen, wie sehr sie sich vermissen. Ein weiteres Beispiel, das mir Hoffnung für die Zukunft macht, ist ein Ereignis vor fünf Wochen am Cerchov: 1400 Einsatzkräfte aus Böhmen und Bayern machten sich auf die Suche nach der achtjährigen Julia aus Berlin, die sich am 10. Oktober im Grenzwald verirrt hatte. Zwei Tage später dann das Happy End, als ein tschechischer Förster das deutsche Mädchen unversehrt im Schilf entdeckte.

Was nach den schrecklichen Ereignissen des 20. Jahrhunderts bleibt, ist die Hoffnung, dass Europa die richtigen Lehren daraus zieht und die Politik alles tut, damit Geschichte sich nicht wiederholt. Erinnerungskultur ist ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Lernprozesses. In diesem Sinn kann die Arbeit von Organisationen wie PAMET nicht hoch genug geschätzt werden.

Martina Hechenberger, Thomas Hackl
Martina Hechenberger, Thomas Hackl

Neuer ORF-III-Zweiteiler „Österreich am Eisernen Vorhang“ und ORF-2-Schwerpunkt zu „30 Jahre Mauerfall“ präsentiert

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